Keep calm and make things
Es gab sie ja schon immer, die durchs Dorf getriebenen Säue, üblicherweise bei Abmahnungen, und sie waren nicht selten berechtigt. Aber entweder ist der Ton fundamentalistischer, sind die Anlässe nichtiger oder bin ich ungeduldiger geworden - die Hysterie von Teilen der Blogosphäre geht mir zunehmend auf den Geist.
Das war zum Beispiel kürzlich so beim »inneren Reichsparteitag« der Moderatorin Müller-Hohenstein, bei dem es Einige nicht unter Naziskandal und öffentlicher Entschuldigung machen wollten, und das war gerade so beim Verschwinden des Blogs »Ctrl-Verlust« von mspro, das er für die FAZ geführt hat (Überblick bei Rivva).
Leute, die sonst gerne den klassischen Medien Sensationsgeilheit vorwerfen, können in solchen Momenten gar nicht schnell genug retweeten und kommentieren; bloß keine Nacht drüber schlafen. Man überbietet sich gegenseitig mit Verschwörungstheorien, schreit »Zensur« oder »Fail« oder »Meinungsfreiheit« oder legt gleich mal mit einem Nazivergleich die Hürde ganz tief.
Es gibt da eine eigentlich ganz einfache Regel, die so gut wie immer trifft: Die Situation ist nie so billig zu haben, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Es ist immer komplizierter.
Wirklich: Man kann so gut wie jedes Thema langsamer fahren, als es die erste Erregung einem zu gebieten scheint, selbst wenn es ins aus der Sturm-und-Drang-Zeit bekannte Schema »Holzmedium gegen Blogger« paßt. Mal abwarten. Sich in die Gegenseite oder - das vor allem - deren Strukturen versetzen. Vielleicht mal nachfragen oder warten, bis jemand nachgefragt hat. In der Aufregung lag noch nie die Kraft, und die schnellste Meinung zu einem Thema ist kein Wert an sich.
mspro schreibt zur FAZ-Geschichte richtig:
»Zunächst treffen die empörten Reaktionen ein, nach und nach kommen die Mahner, die den Hype flach halten wollen, dann werden nach und nach die Interpretationen der Ereignisse geliefert. Jeder stürzt sich auf das Detail, dass ihm wichtig erscheint und in nullkommanix sind alle Sichtweisen zu dem Thema erreichbar, die man sich nur vorstellen kann. Auch die kritischen und die ganz bösen, die sich einfach nur freuen, dass ich jetzt nicht mehr bei der FAZ bin. All diese Leute: die Empörer, die Interpreten, die Mahner und die Kritiker schaffen zusammen eine vollständige Aufschlüsselung aller möglichen Sichtweisen auf ein Thema.«
Das macht allerdings den hysterischen Teil des Prozesses nicht besser. Auf die Sichtweisen der Trolle und Verschwörungstheoretiker, die Shitstormgeilheit, die dem eigentlichen Anliegen nur schadet, könnte ich prima verzichten.
Eine Blogosphäre, die so schrill einsteigt, darf sich nicht wundern, wenn sie nicht so ernstgenommen wird wie etwa ihr Pendant in den USA. Dafür reicht es nicht, sich lärmend zusammenzufinden, um mal wieder einen vermeintlichen oder echten Aufreger zu Meedia und Spiegel Online zu bringen.