Florian Steglich

 
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Keep calm and make things

Es gab sie ja schon immer, die durchs Dorf getriebenen Säue, üblicherweise bei Abmahnungen, und sie waren nicht selten berechtigt. Aber entweder ist der Ton fundamentalistischer, sind die Anlässe nichtiger oder bin ich ungeduldiger geworden - die Hysterie von Teilen der Blogosphäre geht mir zunehmend auf den Geist. 

Das war zum Beispiel kürzlich so beim »inneren Reichsparteitag« der Moderatorin Müller-Hohenstein, bei dem es Einige nicht unter Naziskandal und öffentlicher Entschuldigung machen wollten, und das war gerade so beim Verschwinden des Blogs »Ctrl-Verlust« von mspro, das er für die FAZ geführt hat (Überblick bei Rivva).

Leute, die sonst gerne den klassischen Medien Sensationsgeilheit vorwerfen, können in solchen Momenten gar nicht schnell genug retweeten und kommentieren; bloß keine Nacht drüber schlafen. Man überbietet sich gegenseitig mit Verschwörungstheorien, schreit »Zensur« oder »Fail« oder »Meinungsfreiheit« oder legt gleich mal mit einem Nazivergleich die Hürde ganz tief.

Es gibt da eine eigentlich ganz einfache Regel, die so gut wie immer trifft: Die Situation ist nie so billig zu haben, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Es ist immer komplizierter.

Wirklich: Man kann so gut wie jedes Thema langsamer fahren, als es die erste Erregung einem zu gebieten scheint, selbst wenn es ins aus der Sturm-und-Drang-Zeit bekannte Schema »Holzmedium gegen Blogger« paßt. Mal abwarten. Sich in die Gegenseite oder - das vor allem - deren Strukturen versetzen. Vielleicht mal nachfragen oder warten, bis jemand nachgefragt hat. In der Aufregung lag noch nie die Kraft, und die schnellste Meinung zu einem Thema ist kein Wert an sich.

mspro schreibt zur FAZ-Geschichte richtig: 

»Zunächst treffen die empörten Reaktionen ein, nach und nach kommen die Mahner, die den Hype flach halten wollen, dann werden nach und nach die Interpretationen der Ereignisse geliefert. Jeder stürzt sich auf das Detail, dass ihm wichtig erscheint und in nullkommanix sind alle Sichtweisen zu dem Thema erreichbar, die man sich nur vorstellen kann. Auch die kritischen und die ganz bösen, die sich einfach nur freuen, dass ich jetzt nicht mehr bei der FAZ bin. All diese Leute: die Empörer, die Interpreten, die Mahner und die Kritiker schaffen zusammen eine vollständige Aufschlüsselung aller möglichen Sichtweisen auf ein Thema.«

Das macht allerdings den hysterischen Teil des Prozesses nicht besser. Auf die Sichtweisen der Trolle und Verschwörungstheoretiker, die Shitstormgeilheit, die dem eigentlichen Anliegen nur schadet, könnte ich prima verzichten.

Eine Blogosphäre, die so schrill einsteigt, darf sich nicht wundern, wenn sie nicht so ernstgenommen wird wie etwa ihr Pendant in den USA. Dafür reicht es nicht, sich lärmend zusammenzufinden, um mal wieder einen vermeintlichen oder echten Aufreger zu Meedia und Spiegel Online zu bringen.

Kommentare (16)

Jun 28, 2010
markusnews said...
Danke. Das musste wirklich mal gesagt werden. Insbesondere die Aufregung um den inneren Reichsparteitag war absolut absurd und von keiner Kenntnis getrübt.
Jun 28, 2010
Torsten said...
Ich habe das Problem letztens auf eine andere Formel gebracht: Es gibt keine Fußnoten mehr.

Der Reichsparteitag war kritikwürdig, aber diese Kritik als Schlagzeile zu formulieren, war daneben. Nun macht aber kaum noch jemand Gesamtbetrachtungen oder Spielberichte - die Information wird atomisiert und somit wird jede Information zur eigenständigen Schlagzeile. Und damit Schlagzeilen gelesen werden, müssen sie nochmal verkürzt und skandalisiert werden.

Jun 28, 2010
dot tilde dot said...
@2 (torsten):

schön gesagt.

.~.

Jun 28, 2010
larry said...
Das würde ich anders sehen. Das mit dem Reichsparteitag wurde von ein oder zwei Blogs ins Rollen gebracht von denen ich zuvor noch nie gehört hatte und von den Medien so aufgebauscht als ginge da ein Aufschrei der Empörung durch die ganze Blogosphäre und alle Blogs. Was gar nicht der Fall war. Ich kann jetzt einen Blog eröffnen und in einer halben Stunde den Rücktritt von irgendeinem Politiker wegen irgendeiner nebensächlichen Äußerung fordern. Eigentlich sollte das aber niemanden interessieren. Es sei denn man ist krampfhaft auf der Sucn.n und
Jun 28, 2010
Torsten said...
larry: Nein, Blogs haben den "Reichsparteitag" nicht in Rollen gebracht - die Empörungswelle ging direkt von Twitter auf Welt Online und dann auf anderen Medien.

http://notes.computernotizen.de/2010/06/14/100-twitterer-konnen-nicht-irren/

Jun 28, 2010
Richtige Beschreibung. Die Gründe für diese vorauseilende Skandalisierung liegen darin, dass man Lautstärke erzeugen will, um aufzufallen. Und tatsächlich macht sich die (sogenannte) "Netzgemeinde" immer lächerlicher. Das ist ein willkommener Anlass der mainstreammedien, Blogs pauschal zu desavouieren.

mspro hat m. E. durch einige Twitter-Meldungen selber zur Skandalisierung "seiner" Affäre beigetragen. Beispielsweise indem er suggerierte, die FAZ hätte seinen Blog entfernt, weil er zu kritisch geschrieben hatte.

Inzwischen sind einige bereits derart nervös, dass sie bei der Vokabel "Stahlbad", die Löw in einem Interview gebrauchte, sofort Ernst Jünger assoziieren und aufschreien. Das hatten sie aber mit "Stahlgewitter" verwechselt.

Jun 28, 2010
Wolfgang said...
@Gregor Keuschnig: "Stahlbad" im Zusammenhang mit "Krieg" kam z. B. von Hindenburg und Ludendorff - das macht's auch nicht besser.

Da muss man nicht mit einem Aufschrei reagieren, aber drüber bloggen wird man ja wohl noch dürfen, ohne sich gleich lächerlich zu machen.

Jun 28, 2010
@Wolfgang
Leider doch: http://de.wikipedia.org/wiki/Stahlbad

Die zeitweilige Usurpierung als Kriegsvokabel muss ja nicht bedeuten, dass das Wort für alle Zeiten nie mehr in anderer, metaphorischer Form wiederverwendet werden darf. Ähnliches gilt ja für die sogenannten NS-Vokabeln. Entscheidend muss immer der Kontext sein, in dem das Wort verwendet wird.

Jun 28, 2010
Lukas said...
Ich mach's kurz: Alles völlig richtig.

(Wo ist der flattr-Button?)

Jun 28, 2010
Huch, Kommentare. Danke.

» Torsten: Ja, gut formuliert.

» Lukas: Der läßt sich bei Posterous leider nicht so smooth einbauen, ist aber auf der Startseite oder hier.

Jun 28, 2010
Dochnocheiner said...
Alles richtig formuliert hier. Und alles so schön sachlich.

Okay, ich mach's. Nur der Abwechslung willen.

Hat gar nichts mit dem Beitrag zu tun, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der korrekte englische Titel heißen müsste: "Keep calm an DO things".

So, das war mir ein innerer Reichsparteitag.

Jun 28, 2010
» Dochnocheiner: Ich habe da diesen und diesen Spruch kombiniert.
Jun 28, 2010
Dochnocheiner said...
Aha. Das kannte ich gar nicht.

Na, dann kannst Du ja jetzt einen inneren...weißt schon

(weil eigentlich - das hat Frau Müller-Hohenstein bloß nicht gewusst - sagt man das ja nur, wenn man sich ärgert, dass einer was besser wusste. Aber nicht weitersagen)

Jun 29, 2010
amo said...
.
Jul 03, 2010
Mario H. said...
Findest du ein Beispiel für eine grundsätzliche Meinung nicht ein bisschen wenig?!
Jul 30, 2010
» Mario H.: Entschuldige, Dein Kommentar ist mir wohl durch die Lappen gegangen.

Das Beispiel CTRL-Verlust war der Anlaß, aber ist längst nicht das einzige Beispiel, nach dem ich mir diese Meinung gebildet habe. Den »inneren Reichsparteitag« nenne ich ja schon, ähnlich ging es mir nach dem Loveparade-Desaster. Dazu auch: http://mevme.com/lizblog/niemals-geschlossene-schuhe/

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