Florian Steglich

 
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Mit Kevin Kelly im Hangout.

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Auf Seite 175 von »What Technology Wants« beschreibt Kevin Kelly, Wired-Mitgründer und »Techno-Philosoph« (seine eigene Bezeichnung), ein Bildtelefon von AT&T, das er 1964 auf der New York World’s Fair gesehen hat. Eine der ältesten Zukunftsvisionen, die trotzdem noch immer nicht den Alltag der Telefonie beherrscht.

Lustig ist: Ziemlich genau bis zu dieser Stelle habe ich heute Kellys Buch geschafft, bevor ich ihn selbst in einem Google+-Hangout getroffen habe, einem Videochat also, dem Format, das der damaligen Zukunftsvision von AT&T wohl am nächsten kommt.

Kelly nämlich hatte vor einem Monat rund 40 90-Minuten-Slots für Hangouts ausgeschrieben, um so die neue Taschenbuch-Ausgabe von »What Technology Wants« zu bewerben, und +Thom Nagy hat einen dieser Slots für die NZZ organisiert. Die Voraussetzung dafür: Eine Quittung über den Kauf von neun Exemplaren des Buchs, die an Kellys Assistentin ging.

Neun Bücher für eineinhalb Stunden, das sind 10 Minuten Gespräch für ein verkauftes Buch, kein wirklich guter Stundenlohn für einen recht bekannten Technologie-Publizisten. Aber natürlich geht die Rechnung für Kelly trotzdem auf: Wer bei Google+ ist, dort über die entsprechenden Circles von dieser Aktion hört und sich ausreichend dafür interessiert, so daß er das Buch kauft und einen Slot bucht, der gehört mit einiger Wahrscheinlichkeit zu den Multiplikatoren, die vor oder nach dem Videochat darüber sprechen, twittern und bloggen. Wenn alle Hangouts vollbesetzt sind, wird Kelly so immerhin mit 369 Personen über seine Ideen gesprochen, ohne dafür sein Arbeitszimmer verlassen und sich auf eine mühsame Lesereise begeben zu haben.

Abgesehen von der cleveren Art der Buchpromotion und dem professionellen Experimentieren mit Videochats war natürlich auch das Buchgespräch selbst ergiebig. »What Technology Wants« ist ein ziemlicher Ritt durch die Naturwissenschaften. Kelly entwirft darin das »Technium«, ein Begriff, der mehr fasst als »Technologie« oder »Technik«*, und schreibt ihm quasi-organisches Eigenleben zu. Mehr noch, nach Kelly treibt eine Art Evolution der Evolution das Technium, und wir lernen besser schnell, sinnvoll damit umzugehen, denn aufhalten lässt es sich sowieso nicht dauerhaft. Spannend zu lesen in diesen Tagen, in denen »die Märkte« zwei europäische Premierminister abgesägt haben und einem wie eine Art »Finanzium« ebenfalls recht organisch vorkommen, mit viel Geld gefüttert in der Hoffnung, dass es sich’s wieder bequem macht und nicht scheu zurückzieht und den Geldfluss versiegen lässt.

»What Technology Wants« steht unter starkem Universaltheorie-/Weltformel-Verdacht, aber es lohnt sich, schon weil man beim Lesen die eigene Position zu Technologie besser versteht - unabhängig davon, ob es auf evolutionstheoretisch wackligen Beinen steht oder nicht. Soviel kann ich auch schon nach Seite 175 von 359 sagen.

* Evgeny Morozov meint, daß kein neues Wort hätte sein müssen, und begründet das mit reichlich Begriffsgeschichte.

 

 

 

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