Florian Steglich

 
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Surprise, Surprise.

Ich bin dem Zeit-Magazin seit ein paar Jahren in treuer Enttäuschung verbunden. Das publizistische Konzept des Zeit-Magazins und ich leben auf verschiedenen Planeten, jedenfalls erinnere ich mich nicht, wann mich ein Artikel darin (geschweige denn ein Foto) zum letzten Mal überrascht (geschweige denn berührt) hat. Der Text »Mein armes Amerika« von Jana Simon im aktuellen Heft (44/2011, sieben Seiten) ist ein prima Beispiel für dieses stets Unüberraschende.

Jana Simon nämlich hat sieben Monate in Los Angeles gelebt und dabei die folgenden 24 Entdeckungen gemacht: 

  1. Los Angeles ist auffallend schäbig.
  2. In Los Angeles wohnen ganz viele Menschen, die auf den Durchbruch als Schauspieler oder Drehbuchautor hoffen.
  3. In Los Angeles gibt es viele Obdachlose.
  4. »Los Angeles ist eine Stadt der Zugezogenen.«
  5. Die Holzhäuser in Los Angeles sind nicht für die Ewigkeit gebaut.
  6. Schulden gehören zum amerikanischen Alltag.
  7. Schecks sind ein kompliziertes Zahlungsmittel.
  8. »Los Angeles ist eine Ansammlung von Individuen, die nebeneinanderher leben.«
  9. In Los Angeles ist das Licht irgendwie besonders.
  10. Oberflächliche Bindungen haben eine Kehrseite, Einsamkeit nämlich.
  11. In Los Angeles benutzen alle immer das Auto.
  12. Einwanderer haben oft mehr als nur einen Job.
  13. In Los Angeles leben verschiedene Einwanderergruppen in verschiedenen Stadtvierteln.
  14. In Los Angeles leben verschiedene soziale Schichten in verschiedenen Stadtvierteln.
  15. In Los Angeles gibt es nicht so viele Straßencafés wie zum Beispiel in Berlin.
  16. In Los Angeles wohnen ganz viele Menschen, die auf den Durchbruch als Schauspieler oder Drehbuchautor hoffen.
  17. In Los Angeles wohnen ganz viele Menschen, die auf den Durchbruch als Schauspieler oder Drehbuchautor hoffen.
  18. Bei vielen aktuellen Kinofilmen geht es »mehr um Technik als um Inhalt.«
  19. Der Walk of Fame und das Kodak Theatre sind gar keine glamourösen Orte.
  20. Hollywood ist eine Scheinwelt.
  21. In Los Angeles wohnen ganz viele Menschen, die auf den Durchbruch als Schauspieler oder Drehbuchautor hoffen.
  22. Es gibt Amerikaner, die die USA noch nie verlassen haben und nicht wissen, daß Deutschland in Europa liegt. 
  23. Der American Dream ist in Wahrheit gar nicht so traumhaft.
  24. Lebensmittel in Amerika sind manchmal nicht so gesund.

Ich nehme an, die Artikel »Mein zauberhaftes Venedig im Winter«, »Meine schönen Ecken von Mallorca« und »Mein Latte-Macchiato-verseuchtes Prenzlauer Berg« sind bereits in Arbeit.

Kommentare (15)

Oct 30, 2011
Moritz Krüsselmann liked this post.
Oct 30, 2011
nata said...
Man könnte auch sieben Monate wahllos amerikanische tv-Serien ansehen und zu den selben Ergebnissen kommen. Ich hab's ausprobiert.
Oct 30, 2011
Ronnie Grob said...
Bemerkenswert finde ich diese Passage:

"Wohin fehlende Solidarität in einer Gesellschaft führt, hat der Kampf um die Schulden gezeigt. Ein paar Radikale haben ein ganzes Land als Geisel genommen. Veteranen, Arbeitslose und Nationalparks werden nicht mehr unterstützt, damit einige wenige Superreiche nicht höhere Steuern zahlen müssen."

Als hätten europäische Länder keine Schulden. Und als müssten nicht auch europäische Länder bald mal entscheiden, welche Teile des Staats sie in welchem Umfang beibehalten wollen. "Fehlende Solidarität in einer Gesellschaft" ist ein harter Vorwurf, der irgendwie auch auf den (einzelnen) US-Amerikaner zielt. Ich bin gespannt, wie es sich mit der (schuldenfinanzierten) Solidarität hierzulande verhält, wenn sie dann mal spürbar wird, also merklich in Kontakt mit dem eigenen Komfort kommt.

Oct 31, 2011
Eddie said...
Sehr gut erkannt und beschrieben. Neu für mich war allerdings der Punkt: In Los Angeles wohnen ganz viele Menschen, die auf den Durchbruch als Schauspieler oder Drehbuchautor hoffen.
*überrascht schauen* ;)
Oct 31, 2011
Ali Schwarzer said...
Bis auf ein paar inhaltliche Kritikpunkte (siehe z.B. Kommentar von Ronnie Grob) finde ich den Artikel gut. Warum sollte man denn nicht erwähnen, wie es in L.A. (auch) zugeht? Da ich selbst noch nie da war, ist mein Bild dieser Stadt bisher nur durch Medien geprägt. Und da überwiegt nun mal der eitel Sonnenschein.

Ganz nebenbei: Ich wusste bisher nicht, dass das Kodak Theatre nicht glamourös ist.

Oct 31, 2011
nata, ich glaube sogar, es reichen auch drei Tage als Tourist in LA und ein halbes Ohr fürs nachrichtliche und popkulturelle Grundrauschen für diese Erkenntnisse.

Ali Schwarzer, ich behaupte, da geht es den meisten Lesern des Zeit-Magazins anders (zugegeben, das mit dem Kodak Theatre weiß man vielleicht wirklich erst, wenn man mal davor gestanden hat).

Oct 31, 2011
Ali Schwarzer said...
Ich behaupte einfach das Gegenteil. Und nun? ;)
Oct 31, 2011
Klotzwasser said...
Das Amerikabild der Deutschen verrät mehr über die Deutschen als über Amerika....oder so :-D
Oct 31, 2011
derrico said...
Ich habe den Beitrag im Zeit-Magazin letzte Woche gelesen, fand ihn gut und habe ihn sogar weiterempfohlen - an Freunde, die, genau wie ich, ihr Amerika-Bild aus den Medien haben. Und die, genau wie ich, bisher beispielsweise nicht wussten, dass man in den USA seine Rechnungen nicht überweisen kann. Oder dass es in manchen Stadtteilen von Los Angeles zu regelmäßigen Stromausfällen kommt. Insofern hat der Text mich - surprise, surprise - tatsächlich überrascht, vor allem aber informiert.
Nun mag der Autor dieser Seite ein eloquenter, weitgereister und sehr gut informierter Zeitgenosse sein, dem all dieses nicht neu ist - zumindest suggeriert sein in arrogantem Ton gehaltener Text auf dieser Seite das -, leider hat er es jedoch bisher versäumt, uns an seinem Wissen teilhaben zu lassen - oder sind etwa alle seine, viele Seiten langen, Texte zum Thema (natürlich viel besser als die von Jana Simon) vom bösen Zeit-Magazin abgelehnt worden?
Und warum liest man eigentlich ein Medium, von dem man doch seit Jahren ach so enttäuscht ist ... ?
Oct 31, 2011
Zenon said...
@Ronnie Grob: Die Steuermentalität und das Verständnis von persönlicher Freiheit in Amerika ist durchaus anders als das in Deutschland.
@derrico vielleicht, weil es wenig besseres gibt...

Bei allen Kritikpunkten am Artikel, ist es dennoch nicht allen so klar, wie die Zustände in LA wirklich sind. Was für manche völlig unüberraschend ist, könnte für andere eben eine Neuigkeit sein. Ich habe den Artikel jedenfalls gerne gelesen, auch wenn ich verstehen kann, dass leicht außer Acht gelassen wird, wie es in anderen Großstädten ebenso aussieht. Das sich Amerika trotz der Zustände in LA oder auch Detroit stets das Image des perfekten westlichen Landes gibt, muss irgendwann mal entkräftet werden. Grade zum aktuellen Zeitpunkt. Weiterhin sehe ich auf dem Print-Markt wenig an Wochenmagazinen, was dem Zeitmagazin in seiner Form nahe kommt. Ausgaben wie das der angesprochenen Version vorhergehende Heft über kleine Wohnungen erfreuen mich jedes Mal. Dennoch ist die Zeit natürlich nicht des Journalismus letzter Schluss.

Oct 31, 2011
derrico, ich bin nicht sehr weitgereist, halte mich für nicht besonders eloquent und auch nur für durchschnittlich gut informiert. Aber zum Amerika-Bild, das die Medien mir in meinem Leben vermittelt haben, gehören dramatische soziale Unterschiede, gehören die zahlreichen Amerikaner ohne Krankenversicherung, gehören Stadtteile wie Harlem und die Bronx, Obdachlose in New Yorker U-Bahn-Schächten, Filme wie »Supersize me«, die Los Angeles Riots Anfang der 1990er, Hurricanes, die Häuser wegpusten wie Streichhölzer (weil sie aus Holz sind), das Stereotyp des vergeblich von Casting zu Casting eilenden erfolglosen Schauspielers in Hollywood und die Witze über die angeblich so doofen Amerikaner, die nichts von der Existenz von Ländern wie Belgien oder der Schweiz wissen. Das ist doch alles kein Spezialwissen. Und sicher ist es kein Spezialwissen für die Zielgruppe eines Zeit-Produktes. Mich stört also, daß Jana Simon das so verpackt, als habe sich Amerika in den letzten Jahren plötzlich in seinem Wesen verändert. Vermutlich hat es das sogar, vermutlich hat ein gewisses vorhandenes Urvertrauen, das in bestimmten Teilen der Gesellschaft (!) herrschte, in der Immobilien- und Finanzkrise einen gehörigen Knacks bekommen. Aber um diese These zu stützen, braucht es etwas mehr als ein paar Anekdoten und Beobachtungen aus LA und Tucson, von denen man auf das ganze riesige Land schließt.

(Und nein, ich habe dem Zeit-Magazin noch keinen Text vorgeschlagen, das Zeit-Magazin ist nicht böse, sondern nur meiner Meinung nach ärgerlich anspruchslos, und ich lese es, weil ich die Zeit abonniert habe (die ich sehr schätze) und weil ich jedesmal hoffe, daß es mich doch einmal überrascht.)

Zenon, klar, ein Artikel kann nie für alle überraschend sein, irgendjemand weiß immer alles schon - aber wie gesagt, das hier richtet sich ans Publikum der Zeit, da kann man schon gewisse Ansprüche an die Neuigkeit der Erkenntnisse und an die Originalität stellen, auch wenn es um das Magazin geht, das etwas »weicher«, vielleicht literarischer positioniert ist. Ich hänge nun mal an der Vorstellung, daß sich Journalisten Woche für Woche den Kopf zerbrechen, was und wie man etwas erzählen kann.

Die Ausgabe über kleine Wohnungen fand ich auch ganz interessant, aber auch da wieder: Apartamento, diese spanische Zeitschrift, die »real existierende« Wohnungen zeigt, wurde schon hundertmal zum neuen Trend ausgerufen. Findet man denn wirklich kein neues Beispiel? (Das ist natürlich im Vergleich zum Amerika-Artikel eine totale Insiderkritik eines Journalisten.)

Oct 31, 2011
anton bibersberg said...
viel netter sind doch die verlinkungen im text
hollywood la geschenkt
alles wird flattern im wind wie occupy
eins wird bleiben die talkshow mit herrn giovanni
wir erinnern uns
da ist er vor 30 jahren erwachsen geworden.
so please do not waste your talent on die zeit, they just smile.
Oct 31, 2011
peter said...
Ich bin jedes Jahr in den USA zu Vorträgen und besuche dann meine Verwandtschaft im mittleren Westen. Ich finde den Artikel im Zeitmagazin in den Punkten, die ich beurteilen kann, weitestgehend deckungsgleich mit meinen Erfahrungen. Die Welt dort hat sich in den letzten Jahren tatsächlich verändert. Die Menschen kämpfen mittlerweile sehr hart um ihr tägliches Brot. 3 Jobs in der Familie (2 Jobs + Kleingewerbe) ist bei immer mehr meiner Verwandten üblich, die soziale Absicherung ist schlecht. Viele haben Angst vor dem Absturz.
Vor 20 Jahren war mein Bild anders, ich hätte dort leben können. Mittlerweile hat sich meine Einstellung dazu verändert, halt aus meinen Erfahrungen heraus. Aber auch aus der Diskussion mit meiner Verwandschaft, die die Ursachen der Situation, in der sich die USA befindet, naturgemäß woanders sieht.
Jana Simon hat in LA gewohnt und über ihre Erfahrungen berichtet. Und die Zeit druckt das ab. Was ist daran schlecht, wenn eines der großen Wochenzeitungen mal kritisch und aus erster Hand über die USA berichtet? Ich verstehe ehrlich gesagt diesen eher zynischen Blog-Eintrag nicht, kläre mich doch mal bitte jemand auf.
Nov 01, 2011
peter: Nur ist es eben keine Ausnahme, daß die Zeit (oder ein anderes Medium) kritisch und aus erster Hand über die USA berichtet.
Nov 05, 2011
Guido said...
Lustig auch die Passage "»Are you in the industry?« Film ist hier eine Industrie." Von einer Journalistin, die sich monatelang beruflich im englischsprachigen Raum aufgehalten hat, hätte ich erwartet dass sie weiß, was "Branche" auf englisch heißt. Industry eben.

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