Zweierlei Mißtrauen.
Ein Nachtrag zum letzten Artikel über den kleinen, aber ziemlich großen Unterschied zwischen dem datensammelnden Staat, datensammelnden Unternehmen und datenfreigiebigen Nutzern: Auf der Titelseite der aktuellen »Zeit« (mittlerweile online) plädiert Heinrich Wefing für mehr Regulierung des Netzes (und speziell von Google). Der Lead lautet:
»Dem Staat nehmen wir eine Volkszählung übel, aber Internet-Giganten erlauben wir jeden Zugriff. Warum bloß?«
Ziemlich steile These in jenem Land, in dem wohl am heftigsten von allen gegen den Internet-Giganten Google gewettert und durchaus auch vorgegangen wird. Und das gilt nicht nur für die Politik. Von Teilen der sogenannten Netzgemeinde, der Wefing eine »einseitige Fixierung auf den Staat« vorwirft, werden Google, Facebook und Apple schon deutlich länger (und deutlich fundierter) kritisiert.
Die Verwunderung darüber, daß sich diese Kritik nicht wie bei den Internetsperren in medienkompatiblen Formen wie Rekord-Petitionen, Demos und Stasi-2.0-Slogans äußert, kann auch hier nur entstehen, wenn man das Datensammeln von Staat und Unternehmen gleichsetzt. Dabei unterscheiden sie sich bereits in ihren Motiven grundlegend. Unternehmen sammeln, weil sie damit Geld verdienen. Der Staat sammelt aus Angst. Das eine Motiv ist rational, das andere irrational - welchem soll man wohl mehr mißtrauen? Ein weiterer feiner Unterschied: Die Schwere der möglichen Folgen des Sammelns. Ich gebe zu, ich habe es nicht abschließend recherchiert, aber meines Wissens kann Google noch keine Durchsuchungsbefehle ausstellen und Facebook niemandem die Einreise in die USA verweigern, wenn sich etwa durch einen Fehler oder Zufall verdächtige Daten häufen.
Das größere (zutreffender: andere) Mißtrauen gegenüber dem Staat zeigt zudem nur, daß wir wissen, was uns Wefing am Ende seines Artikels in Erinnerung rufen zu müssen glaubt, daß nämlich »die Politik im Umgang mit Großkonzernen nicht so machtlos ist, wie es mitunter zu sein scheint«. Denn das heißt auch: Die Unternehmen sind nicht so mächtig, wie es - etwa angesichts der Omnipräsenz und der Qualität von Google-Produkten oder angesichts der Netzwerkbindung bei Facebook - zu sein scheint. Es ist nicht ganz einfach, aber es geht auch mit anderen Anbietern.